Dienstag, 28. Juli 2015

Todesangst, nette Menschen und Züge

Der Abgrund ist bedrohlich nahe und ich kann die Tiefe spüren. Jede Bewegung ist kontrolliert. Ich versuche, möglichst still zu liegen. Meine Atmung wird flacher. Nicht wissend, ob ich am nächsten Morgen wieder aufwachen werde, bin der Müdigkeit ausgeliefert.

Ich habe noch nie in einem Hochbett geschlafen, auch wenn das eigentlich kein Problem für mich ist. Doch dieses Bett hat es in sich: es ist schmaler als mein normales Bett und hat keine Begrenzung, sodass mich nichts davon abhält, im Schlaf aus dem Bett zu kullern und auf einer der vier Koffern zu landen, die dekorativ über den Boden verteilt liegen. Sie gehören Amelie, Enya, Esther und mir. Noch sind wir einander völlig fremd, doch am Ende der 10 Tage fällt uns der Abschied schwer.
Ich bin in einem Tagungshaus in Altenkirchen, einer Kleinstadt im Westerwald. Hier sollen 28 Jugendliche, die in den kommenden Monaten ihr Zuhause verlassen und Westeuropa erkunden, auf ihren Freiwilligendienst vorbereitet werden.

Die Gruppe ist bunt. Laut. Gut. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Ecken Deutschlands und die meisten haben eine lange Reise hinter sich.

Einige Personen sind mir auf Anhieb sympathisch, trotzdem möchte ich am liebsten wieder in dem Zug steigen und umkehren. 10 Tage sind ganz schön lang, wenn man bald für 10 Monate nach Frankreich verschwindet… Ich habe nach dem Vorbereitungsseminar noch 7 Tage in Wuppertal. Das sind 168 Stunden, 10.080 Minuten oder 604.800 Sekunden, um mich von meinen Freunden und meiner Familie zu verabschieden, meine Sachen zu packen und Wuppertal hinter mir zu lassen. Ohne das Vorbereitungsseminar hätte ich noch weitere 240 Stunden, 14.400 Minuten oder 864.000 Sekunden, um meine To-do-Liste abzuarbeiten. Doch all das Grübeln über die „verlorene“ Zeit hilft auch nichts, die Teilnahme am Seminar ist verpflichtend und soll mir ja auch helfen, meinen Freiwilligendienst so angenehm, wie möglich zu machen.

An den ersten Tagen spürt man die Entfernung zwischen uns Teilnehmern noch deutlich, dennoch haben wir eine Parallele, die uns schlussendlich alle zusammenführt: wir haben Zuhause verlassen, haben uns entschieden, uns auf das Fremde einzulassen und  wollen neu beginnen.

Die zurückhaltende Höflichkeit wird abgelegt. An ihre Stelle treten Offenheit und  Ehrlichkeit. Jeder redet mit jedem. Es wird gemeinsam eingekauft, gekocht und gelebt. Sucht man Gesellschaft folgt man der Musik und dem Lachen.

Die Gespräche sind gut, mal ernst, mal albern und vor allem abwechslungsreich. So kommt es, dass man in einem Moment über Sexismus redet und im nächsten Moment die Barbiefilme angepriesen werden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie einen Barbiefilm gesehen habe. „Waaaaas? Das kann doch nicht dein Ernst sein“, sagt Enya und Esther erkundigt sich besorgt nach meiner Kindheit. Um meine Bildungslücke zumindest teilweise zu schließen, singen Amelie, Enya und Esther mir „Barbie als Prinzessin und das Dorfmädchen“ vor. Hach, diese Mädels sind schon super!

Ich bin wirklich froh über meine Zimmermitbewohner. Unsere ganze Gruppe ist sehr harmonisch, aber diese drei Mädels habe ich besonders gern. Amelie wirkt im ersten Moment noch ernst, doch nach zwei Minuten offenbart sie sich als eine sympathische und lockere Person. Sie wird auch nach Frankreich gehen und ich bin glücklich, dass ich da dann schon jemand so nettes kenne. Esther ist laut und lustig. Sie lacht, tanzt und singt. Ständig zitiert sie Filme, Lieder und YouTube-Videos. Enya ist ein bisschen unsere Zimmermama: sie sorgt dafür, dass wir rechtzeitig aufstehen und besorgt auch das Rezept, als wir mit dem Kochen dran sind. Enya ist cool. Sie strahlt Ruhe aus und man kann sich echt gut mit ihr unterhalten. Ehrlich, besser hätte ich es mit meinen Zimmermitbewohnern nicht erwischen können!

Neben uns Freiwilligen gibt es noch drei Teamerinnen. Sie gestalten den Tag durch zwei Einheiten à drei Stunden. Die Einheiten sind sehr unterschiedlich. Manche sind speziell auf unseren Freiwilligendienst zugeschnitten, andere Einheiten sind allgemeiner Natur. So sprechen wir zum Beispiel über unsere Einsatzstellen, Rassismus und Geschlechtergerechtigkeit. Unsere Teamerinnen geben uns das Gefühl, auf Augenhöhe zu sein, sodass mir die Einheiten nicht wie Unterricht oder sowas vorkommen.

Der Abend gehört immer ganz uns. Wir dürfen also in Kleingruppen losziehen und Altenkirchen unsicher machen. Das Nachtleben ist hier natürlich legendär. Die krassesten Partypeople zieht es zum Rewe Center, denn dort gibt es den besten Stoff. In der gegenüberliegenden Grünanlage wird dann die (Haribo-)Tüte rumgereicht. 

Okay, jetzt mal im Ernst: In Altenkirchen ist nicht so viel los, aber mit den richtigen Leuten macht das auch nichts! Solltet ihr mal tagsüber in Altenkirchen sein, müsst ihr auf jeden Fall in den Eissalon in der Innenstadt!!! Dort gibt es so viele leckerere Sorten (zum Beispiel Raffaello!). Wäre ich wohl länger dort geblieben oder hätte den Eissalon früher entdeckt, hätte ich wohl selber Altenkirchen als Kugel verlassen. So aber sehe ich nur etwas müder als sonst aus, als ich mich auf die Rückreise mache.  

Es ist komisch, wie schnell einen Menschen ans Herz wachsen können. Noch komischer ist es zu wissen, dass man einige eben dieser Menschen nun für ein Jahr nicht mehr sehen wird. Doch lange kann ich nicht über diese Misere nachdenken, denn Zugfahren in fremden Städten stresst mich immer sehr. Ständig gucke ich auf mein Ticket. Stehe ich am richtigen Gleis? Wo muss ich umsteigen? Und wie viel Zeit habe ich dafür?

Während ich meine Hinfahrt halbwegs gut überstanden habe, erweist sich die Rückfahrt schon als komplizierter. Als Schienenersatzverkehr erscheint ein kleiner (!) Bus und wir müssen Koffertetris spielen, um das ganze Gepäck unterzubringen. In jeder Kurve fliegen Koffer aus unserem Konstrukt, sodass die Fahrt nicht wirklich entspannt ist.

Als wir dann endlich wieder in einen Zug umsteigen wollen, macht die Deutsche Bahn ihrem Ruf alle Ehre und unser Zug fällt aus. Super. Wir versuchen noch einen anderen Zug zu bekommen und hechten vollgepackt Treppen runter und rauf zu einem anderen Gleiß. Das hätten wir uns allerdings sparen können, denn der Zug fährt gerade ab, als wir das Gleis erreichen. Ich sprühe vor Begeisterung. Wie ich Zugfahren liebe!


Zuhause angekommen möchte ich nur noch schlafen. Ich öffne mein Brillenetui und will meine Brille weglegen und meine müden Augen schließen. Für einen Moment halte ich inne. Ein kleiner Zettel liebt auf dem Brillenputztuch. Er stammt aus dem Glückskeks, den mir unsere Ansprechpartnerin vom ijgd geschenkt hat. Dort steht: There will be great changes but you will be very happy. Ich lächle. Das ist doch eine schöne Aussicht!

Sonntag, 5. Juli 2015

101 Tage

Die Scheibe beschlägt, meine Nase ist ganz platt gedrückt und ich könnte schwören, dass sich meine Pupillen gerade weiten. Auf einem blauen Autobahnschild steht es: Wissembourg.

In genau 101 Tagen werde ich hier leben. Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, für was ich mich entschieden habe. 10 Monate sind eine ganz schön lange Zeit, denke ich als meine Mama die nächste Autobahnausfahrt nimmt. Wir halten auf dem Parkplatz des Hotels „Alsace“ in Wissembourg und ich mache meine ersten Schritte in der neuen Heimat.
Es ist komisch. Irgendwie hatte ich auf eine Art Zeichen gewartet, auf etwas, dass mir zeigt, dass ich genau hier hingehöre, vielleicht so ein „Liebe-auf-den-ersten-Blick-Moment“ oder ein „Booom, du bist hier richtig“, doch nichts dergleichen passiert.

Ich komme mir unglaublich touristisch vor, während ich mit der Kamera in den Händen durch die Straßen schlendere. Es ist schön hier, irgendwie belebt. Kinder fahren mit Cityrollern zur Schule, die Lauter plätschert fröhlich vor sich hin und Franzosen sitzen in den Cafés vor großen Tassen und unterhalten sich. Ich genieße den Moment.

Lachen und Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr, doch ich verstehe nur wenig. In einem Laden frage ich auf Französisch nach einem Buch, man antwortet mir auf Deutsch. Eine nette Geste, aber ich bin enttäuscht. Ich möchte dem Ladenbesitzer am liebsten erzählen, dass ich bald hier leben werde, in genau 101 Tagen, aber ich bleibe still.

Ich bin hier fremd, man erkennt in mir sofort die Touristin. Verständlich, denn die Kamera hängt mir vor der Brust und mein Französisch ist weder besonders gut noch akzentfrei. Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich tatsächlich als Touristin gekommen bin. Wir haben in ein Hotel eingecheckt, wir sind zu allererst zur Touri-Info gegangen und haben dann den Rundgang durch die Stadt genommen. Genauso gut hätte ich mir „Tourist“ auf die Stirn tätowieren können oder mit einem Selfie Stab Fotos vor jedem Gebäude machen können.

Erst bin ich ernüchtert, denn es wäre doch viel einfacher, wenn ich direkt ins Bild rein passen würde. Doch ich muss mir eingestehen, dass ich selbst noch gar nicht in der Lage bin, mir das vorzustellen. Ich denke, dass wird erst kommen, wenn ich mein Leben in ein paar Koffer gepackt habe und umgezogen bin.



Nach dem Abendessen falle ich wie ein Stein in mein Bett. Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. So viele Eindrücke schwirren durch meinen Kopf und mein Gehirn braucht dringend eine Pause, um sie zu verarbeiten. Glücklich schlafe ich ein.

„Ein Mensch begibt sich auf eine Reise und ein anderer kehrt zurück.“

Mich hat das Fernweh gepackt — und 11 Minuten von der deutschen Grenze entfernt wieder losgelassen… Ja, ich weiß, ich bin weit gekommen, aber darum geht es doch gar nicht! Ich möchte keinen Wettbewerb gewinnen, wer am weitesten weg ist oder wer den exotischsten Auslandsaufenthalt macht. Zugegeben: Da hätte ich mit Wissembourg auch schlechte Karten! Aber wie gesagt: Darum geht es doch gar nicht! Ich möchte meinen Horizont erweitern (ohne dabei an einem Kulturschock zu sterben), Neues kennenlernen und einfach mal weg sein!

Gerade das Letzte spielt eine große Rolle: Weg sein. Alleine gehen. Autonom. Ich war nie alleine weg — immer war irgendjemand dabei, den ich zumindest flüchtig kannte. Ich weiß noch nicht einmal, ob es aus Angst oder einfach aus Bequemlichkeit war.

Und jetzt gehe ich. Endlich. Ich freue mich riesig und fiebere meinem Ankunftstag in Wissembourg entgegen. Diese 10 Monate werden mich für den Rest meines Lebens prägen. Ich werde Erfahrungen machen, die mir keiner mehr nehmen kann und eine Menge über mich lernen — das haben mir zumindest alle ehemaligen Freiwilligen versprochen, mit denen ich gesprochen habe.

„Ein Mensch begibt sich auf eine Reise und  ein anderer kehrt zurück.“
Peter Matthiesson 

Ich werde in Situationen kommen, die mich herausfordern werden und es erleben, dass Leute sich ihr Bild von mir machen und dabei weitestgehend nur mich (nicht meine Familie, nicht meinen Freundeskreis) beurteilen. Ich werde Verantwortung übernehmen, viel mehr als ich es hier tue und ich werde spüren, was es heißt, für sich selbst zu stehen.


Das alles macht mir Angst, aber Neugier und Vorfreude überwiegen. Mir ist bewusst, dass ich Momente durchleben werde, in denen ich mich zurück nach Wuppertal wünsche, in denen ich meine Familie und meine Freunde so sehr vermisse, dass ich glauben werde, es nicht mehr auszuhalten, aber ich weiß, dass Wissembourg eine gute Entscheidung ist — vielleicht sogar meine bisher Beste...