Mittwoch, 30. September 2015

Über meine Arbeit, das Hinternabputzen und Nudismus

Es ist noch dunkel, als mein Wecker klingelt.  In Trance steige aus meinem Bett und mache mich fertig für die Frühschicht. „Ich bin ein Morgenmensch, ich bin ein Morgenmensch“, murmele ich wie ein Mantra vor mich hin, während ich die Treppenstufen runter schlurfe. Die durch einen Zahlencode gesichert Tür zu unserer Wohnung bzw. aus unsere Wohnung raus piept unerträglich, als ich den richtigen Code eingebe. Es ist, wie ein zweites Mal den Wecker klingeln zu hören.  Morgenmensch rufe ich mir in Erinnerung. Ja, sicher doch! Die dunklen Ringe unter meinen Augen strafen mich lügend.  Sieben Uhr morgens ist nicht meine Zeit — ja, ich weiß, ich stelle mich ein bisschen an, aber ich nun mal wirklich kein Morgenmensch!

Nichtsdestotrotz sitze ich mehr körperlich als geistig anwesende um sieben in der Transmission und höre mir an, wer die Nacht über aufgestanden ist, geschrien hat und sonst irgendwie der armen Nachtschicht den Schlaf geraubt hat, bevor die Transmission in einer Lästerstunde der wacheren Kollegen ausartet. Danach geht es in die Gruppen und wir fangen an die Residents zu wecken und für das Frühstück fertig zu machen.

Gleich im ersten Zimmer erwartet mich ein besonderes Geschenk. Scheiße. Und zwar eine ganze Windel voll… Gleich schiebt sich wieder mal eine kleine Patsche-Hand Richtung Hintern. Ich wehre den Angriff ab und stülpe mir Gummihandschuhe über.  Na dann auf in den Kampf und bloß nicht an Schokolade denken!

So langsam kommt Routine in die Bewegungen. Ich weiß, was ich machen muss und es kostet mich kaum noch Überwindung, die Windel zu öffnen und jemanden zu wickeln. Das ist halt meine Arbeit hier und wenn man im Hinterkopf behält, dass die Residents (die Bewohner) nun mal auf Hilfe angewiesen sind, ist das Ganze nicht mehr so schlimm.

Für mich war das Zugucken am Anfang auch viel unangenehmer, dabei hatte ich zu viel Zeit, um mich auf alles zu konzentrieren und mit allen Sinnen dabei zu sein — großer Fehler! Machen ohne viel nachzudenken ist hier einfach besser. Das meiste macht man eh intuitiv richtig. Einen erwachsenen Menschen zu wickeln oder den Hintern abzuwischen, mag nicht gerade alltäglich sein, aber es ist einfach, wenn man erstmal seine Hemmungen abgelegt hat.

Und so bewege ich mich von Zimmer zu Zimmer, entleere Nachttöpfe, wechsele Windeln und wische Hintern ab. Außerdem wasche ich die Residents, creme sie ein und helfe dabei sie anzuziehen bzw. ziehe sie an.

Letzteres entpuppt sich an manchen Tagen als am schwierigsten. In meiner Gruppe gibt es einen Resident, der leicht nudistische Tendenzen zeigt. Sagen wir einfach, er ist gerne nackt. Sobald ich also die Barriere an seinem Bett runter mache, liegt alles, was der Herr so an hatte, auf dem Boden. Manchmal schafft er es auch, sich bereits in der Nacht komplett auszuziehen, einschließlich der Windel — ich glaube, die Konsequenzen muss ich nicht näher erläutern…

Ausziehen klappt also alleine, nur das wieder anziehen, ist dann schon komplizierter. Alles geht ihm zu langsam und dann fällt ihm auch noch ein, dass er ja lieber nackt wäre und fängt dann wieder an sich auszuziehen. Mittlerweile habe ich mir ein bisschen Autorität erarbeitet, sodass er aufhört, wenn ich ihm das sage, allerdings ärgert es ihn das sehr und dann kommt der schwierigste Teil: Ungebremst schießt seine Hand auf seine Wange zu und es knallt. Er schlägt sich selbst. Das macht er immer, wenn er wütend wird. Ich habe eine Kollegin mal gefragt, warum er sich dann selbst weh tut, aber sie konnte es mir nicht sagen. „Ein Fehler im Kopf, ich weiß es nicht“, hat sie nur geantwortet. Ich verstehe die rohe Brutalität gegen den eigenen Körper nicht und es schwierig, da zu stehen und kaum etwas dagegen tun zu können. Auch andere Residents machen das, sie schlagen und beißen sich selbst, als müssten sie so ihre Aggressionen abbauen. Es kommt so häufig vor, dass es fast alltäglich ist, aber ich erschrecke mich trotzdem jedes Mal.

Bis zum Frühstück habe ich mich wieder beruhigt, wobei von Ruhe eigentlich keine Rede sein kann: Die Residents sprechen durcheinander (soweit das möglich ist), lachen und schreien  nach Café (scheinbar ihr Lebenselixier).  Danach putzen wir einigen Residents die Zähne (manche können das alleine) und wischen ihnen die Essensreste aus dem Gesicht und von den Händen. Leider haben die Aktivitäten noch nicht angefangen, sodass die Zeit bis zum Mittagessen höchstens mit malen und einem Spaziergang überbrückt wird, was ich persönlich sehr schade finde. Die Vorfreude in meiner Gruppe auf die Aktivitäten ist umso größer. Ein Resident fragt täglich danach.

Das Mittagessen kann richtig stressig werden, wir servieren das Essen, schneiden es klein und füttern manche Residents. Zwischendurch muss man einen Resident immer wieder bitten, doch am Tisch zu bleiben, ein anderer entleert häufiger mal seinen Becher über sich — nicht, weil er Probleme beim Trinken hat, sondern weil er gerne provoziert — und wieder ein anderer will sich das Dessert schnappen, bevor man mit dem Hauptgang fertig ist. Trotzdem ist das Essen doch irgendwie schön, weil die bunte Masse an unterschiedlichen Persönlichkeiten, unsere kleine Gemeinschaft besonders ist.

Bevor die Frühschicht endet, werden noch mal Windeln gewechselt und Hintern abgewischt. Manche Residents halten Mittagsschlaf, die bringt man dann ins Bett und geht zum Schichtwechsel wieder in die Transmission.

In der Transmission hört man dann auch das ein oder andere lustige Ereignis der Schicht. Mir selber hat ein Resident zum Beispiel mal das Essen vom Teller geklaut. Es gab Pommes, also ein wirklich tragischer Zwischenfall, aber noch vergleichsweise harmlos. Einer anderen Freiwilligen wurde diese Woche noch auf den Schuh gekackt. Sie hat das ziemlich cool genommen und lachend erzählt. Mal gucken, was in den nächsten Monaten noch so für Gesprächsstoff sorgt.


Sonntag, 6. September 2015

Das ist erst der Anfang!

„Mais Zsuzsi, this is not the end, c’est le début!” Die Worte unseres Betreuers Claude klingen wie Musik in meinen Ohren. Doch Zsuzsi scheint das nicht wirklich zu trösten. Traurig schaut sie aus dem Autofester. Wahrscheinlich denkt sie gerade an die anderen Freiwilligen, von denen wir uns nach zwei Wochen Vorbereitungsseminar in Niederbronn verabschieden mussten.
Mein Blick wandert auch aus dem Fenster, aber ich bin nicht traurig. Wir fahren nach Wissembourg, wir fahren zu unserem neuen Zuhause. Mit Aufregung erwarte ich das, was sich hinter jeder neuen Kurve verbirgt. Hin und wieder versuche ich mich ganz groß zu machen, um über das Armaturenbrett hinaus zu gucken. Ich kenne den Weg, denn ich habe bereits einen Tag im Mont des Oiseaux, einen Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Wissembourg, hospitiert. Hier werde ich bald arbeiten, wohnen und leben. Neugierde gemischt mit Ungeduld macht sich in mir breit. Ich will endlich ankommen!

Als wir dann die Auffahrt zu unserem neuen Zuhause hinauf fahren, macht sich auch auf Zsuzsis Gesicht ein Lächeln bemerkbar. Wir schauen einander an und müssen vor Aufregung lachen. Zsuzsi ist mir sympathisch. Genau wie ich wird sie zehn Monate einen Service Civique im Mont des Oiseaux machen.  Im Moment spricht sie noch gar kein Französisch und nur ein paar Sätze Englisch, weshalb unsere Unterhaltung teilweise sehr lustig verlaufen und wir manchmal völlig aneinander vorbei reden. Sie selbst kommt aus Ungarn. Später werden dann noch zwei Deutsche und eine Französin zu unserer WG dazu stoßen. Die Französin, Alicia, kenne ich auch schon vom Vorbereitungsseminar in Niederbronn. Sie ist eine aufgeweckte Person — sehr offen und immer fröhlich.  Auf die anderen zwei bin ich schon sehr gespannt!
Wir kommen an einem Samstagnachmittag an und fangen erst Montag mit dem Arbeiten an und ich muss sagen, ich brauche das Wochenende auch echt, um mich einzurichten. Am Samstag fehlt mir dazu aber die nötige Energie. Ein paar Sachen werden ausgepackt, ein paar Emails gelesen, aber das ist es dann schon. Wie ein nasser Sack falle ich in mein Bett und um 10 Uhr bin ich dann schon in der Tiefschlafphase versunken.

Am nächsten Tag warten ein halbausgepackter Koffer, zig unbeantwortete Emails und ein bisschen Orga-Kram  auf mich. Ich kann mich aber nicht wirklich aufraffen und beginne den Tag erstmal mit einem ausgiebigen Frühstück mit Zsuzsi — ganz unfranzösisch. Danach schnappe ich mir meine Kamera und erkunde Wissembourg ein bisschen. Leider wohnen wir nicht wirklich zentral, weshalb es seine Zeit braucht, um ins „Centre Ville“ zu gelangen, aber der Weg lohnt sich!

 Wissembourg ist wirklich schön und ganz anders als Wuppertal. Bisher habe ich kein einziges Hochhaus entdeckt, alles ist hier charmant klein: die Häuser, die Straßen, die Cafés. Zugegeben groß einkaufen kann man hier nicht und das Nachtleben ist hier quasi nicht vorhanden, aber für einen Sonntagsspaziergang ist Wissembourg genau richtig. Vor allem an diesem Sonntag scheint es die Welt besonders gut mit mir zu meinen, denn die Sonne rückt das Städtchen ins schönste Licht.

Ich mag die Atmosphäre hier. Jeder, der mir entgegen kommt, nickt oder lächelt mir zu und meist folgt darauf ein höfliches „Bonjour“. Irgendwie fühle ich mich aufgenommen.



























Nach meinem Spaziergang widme ich mich dann den weniger interessanten Dingen. Doch beim Koffer auspacken, bekomme ich richtig Lust, mein Zimmer umzugestalten. Mir gefällt der Zuschnitt meines Zimmers sehr. Ich habe eine kleine Nische, in der mein Bett und ein Nachttisch stehen, sodass der Schlafbereich vom Wohnbereich abgegrenzt ist. Leider passen die Möbel gar nicht zusammen, weshalb ein Besuch beim Baumarkt fest eingeplant ist. Dann kommt auf jeden Fall Holzlack in den Einkaufswagen, mit ein bisschen Farbe sieht die Welt schon ganz anders aus.

Montag ist es dann soweit: mein erster Arbeitstag! Das Mont des Oiseaux besteht aus zwei Gebäuden. Da gibt es zum einen eine Einrichtung für Kinder bis 20 Jahren und eine Einrichtung für Erwachsene. Ich arbeite im MAS („Maison d’Accueil Specialisée“), das ist die Einrichtung für Erwachsene.

Mein Dienst beginnt heute um 13:45 Uhr mit der Transmission. Die Transmission ist eine Besprechung beim Schichtwechsel, in der man der neue Schicht erzählt, was Besonderes vorgefallen ist, ob es einem der Bewohner schlecht geht und ob auf etwas Außergewöhnliches ansteht. Für mich ist die Transmission bisher ziemlich langweilig. Meine Französisch-Kenntnisse reichen noch nicht aus, um dem Gespräch folgen zu können und deshalb sitze oder stehe ich dann meist fünfzehn Minuten blöd in der Gegend rum.

Nach der Transmission geht man in seine Gruppe. Es gibt fünf Gruppen mit jeweils acht Bewohnern (ich hoffe, ich bin richtig informiert). Um eine Gruppe kümmern sich normalerweise zwei Betreuer. Bei den Volontären in der Gruppe sind es für den ersten Monat drei Betreuer (mit Volontär), da wir ja noch eingearbeitet werden müssen. Im Moment sind wir auch noch keine große Hilfe. Unsere Aufgabe sind größtenteils Pflegeaufgaben und ich muss zugeben, dass ich die Vorstellung erwachsenen Menschen, den Hintern abzuwischen oder die Windeln zu wechseln, noch sehr befremdlich finde. Tania, mit der ich heute zusammen arbeite, ist aber sehr verständnisvoll. Sie sagt, dass ich mir Zeit nehmen kann und immer sagen soll, wenn ich etwas nicht machen will. Ich persönlich hoffe, dass ich den letzten Teil nicht Anspruch nehmen muss, aber heute steht eh erstmal zu gucken auf dem Plan. Mir wird viel erklärt, teils auf Französisch, teils auf Deutsch. Ich soll beobachten, Fragen stellen und mich langsam einleben.


Nach der abendlichen Transmission gehen Zsuzsi und ich zusammen zu unserer Wohnung (wir wohnen in einer Dachgeschosswohnung über der Einrichtung für Kinder). Beide sind wir geschafft von den vielen neuen Eindrücken, doch in unserer WG erwartet uns eine kleine Überraschung: die zwei anderen deutschen Freiwillige sind angekommen. Zsuzsi ist zu müde für ein Gespräch, sie sagt kurz Hallo und geht dann schlafen. Eigentlich würde ich auch gerne schlafen, aber meine Neugierde auf die neuen Mitbewohner ist dann doch größer. Ich setze mich zusammen mit Alena und Hanna (so heißen die beiden) ins Wohnzimmer. Sie wirken ernüchtert. Die Wohnsituation haben sie sich anders vorgestellt. Vor uns haben schon einige Freiwillige mit sehr unterschiedlichen Geschmäckern in der Wohnung gelebt und das sieht man der Wohnung auch an… Als wir dann aber einen Tagesausflug zum IKEA Strasbourg planen, kommt Stimmung auf. Wir überlegen, was man alles machen könnte, um die Wohnung aufzubessern, dabei greifen wir ab und an nach den Sternen. Mal gucken, wie viel wir von unseren Plänen tatsächlich umsetzen. Es bleibt also spannend, denn this is not the end, c’est le début!