Sonntag, 25. Oktober 2015

Ich steh im Wald.

Sonntagsspaziergänge sind doch das Beste — vor allem samstags, wenn man die letzten zwei Tage krank im Bett verbracht hat.

Wenn ich Zuhause krank bin, ist das zwar auch nicht schön, aber ich drohe nicht ganz so schnell, an Langeweile zu sterben. Meine Familie schneit dann hin und wieder in mein Zimmer rein oder die liebe Marei kommt mit Brownies, Oreokeksen und Hustenbonbons vorbei (das sorgt für einen schnelleren Heilungsprozess — bei Magendarm ist jedoch davon abzuraten). Hier gibt es aber keine Marei und meine Eltern und Kira sind letzten Sonntag wieder nach Wuppertal gefahren.

In Wuppertal hätte ich jetzt auch eine größere Filmauswahl, die mir wenigstens Gesellschaft leisten könnte. Alle Filme, die ich hier habe, kann ich mitsprechen. Nicht, dass ich eh nach zwanzig Minuten vom Film wieder eingeschlafen wäre und dann ja auch nicht viel mitbekommen hätte, aber das ist so ne Prinzipsache.

Wir haben einen Fernseher im Wohnzimmer, der mich natürlich unterhalten könnte, allerdings gibt es da auch wieder einen Haken: das wäre ja dann französisches Fernsehen — auf Französisch…

Weil meine Mitbewohner arbeiten und ich, wenn sie dann da sind, schlafe, treffe ich außer einem Handwerker niemanden und unser kleines Rendez-vous muss für den Tag auch an menschlichen Kontakt reichen. Ich sage „Bonjour“. Der Handwerker sagt „Bonjour“. Das war’s. Er ist so von dem Glanz meiner Erscheinung geblendet, — Jogginghose, Schlabberpulli und Schal, dazu vornehme Blässe und Schmuck unter den Augen — dass er sich wohl nicht traut, das übliche „Ca va?“ heraus zu bringen. Egal, dann halt Isolation bis ich wieder gesund bin, so stecke ich wenigstens niemanden an.




Als meine Lunge  wieder zulässt, dass ich mich bewege, entfliehe ich dem muffigen Geruch unserer Wohnung. Weiler (dort wohne ich) liegt im Grünen und bietet viele Möglichkeiten für einen Spaziergang. Ich entscheide mich, den Radweg über die Grenze entlang zu gehen und wenige Minuten später stehe ich im Wald.

Ich liebe diesen Weg und habe ihn schon vor Wochen als meine neue Joggingstrecke auserkoren (wenig Steigung, schöne Aussicht). Links von mir geht es richtig in den Wald herein. Die Bäume sind so hoch und so beeindruckend am schrägen Abhang angeordnet, dass ich alle paar Meter stehen bleibe und Fotos mache. Zu meiner Rechten fließt die Lauter fröhlich vor sich hin.





Hin und wieder kommen mir Radfahrer entgegen. Ich frage mich dann, ob sie Deutsche oder Franzosen sind. Eigentlich ist es ganz einfach: Grüßen sie einen, sind es Franzosen, gucken sie angestrengt in eine andere Richtung sind es Deutsche. Gut, manchmal schallt einem auch ein „Hallo“ entgegen, dann tippe ich natürlich auch auf Deutsch, aber im Großen und Ganzen habe ich den Eindruck, ich liege mit meiner Einschätzung richtig.

Die Franzosen erscheinen mir allgemein „netter“ im Umgang mit Unbekannten. Beim Joggen kriege ich keine dummen Kommentare gedrückt, sondern man wünscht mir einen guten Lauf und es habe mir jetzt schon mehrmals Leute angeboten, mich mitzunehmen, wenn ich zu Fuß unterwegs war. (Ich weiß, was du jetzt einwerfen würdest, Yanik. Und ja, es könnten auch potentielle Vergewaltiger gewesen sein, aber wir wollen das jetzt mal nicht ganz so pessimistisch sehen.) Ob ich mit meinem Eindruck richtig liege, weiß ich nicht. Pauschalurteile sind ja eh eine schwierige Sache und deshalb sage ich einfach, dass ich mich hier gut aufgenommen fühle und mich freue, wenn man mir mit einem Lächeln und einem „Bonjour“ entgegen fährt.

Ich spaziere noch bis zur deutsch-französischen Grenze weiter. Dort setze ich mich auf eine Bank, lese mein Buch und genieße es, einfach mal wieder draußen zu sein.





Montag, 19. Oktober 2015

Der Himmel oder warum ich 273 Kilo wiegen werde, wenn ich zurück komme

Ich bin im Paradies gelandet.

Vollkommen — einfach vollkommen. Wie ein kleines Kind am Schaufenster eines Spielzeugladens starre ich gebannt durch die Fenster des rotbraunen Hauses am Place du Marché aux Choux. Dahinter verbirgt sich meine große Liebe. Rebert. Er ist hübsch und etwas ganz besonderes. 

Der französische Charme ist ja berüchtigt, aber dass es mich so schnell und so intensiv treffen würde, hätte ich nicht gedacht. Doch jeder Besuch im Centre Ville scheint mich irgendwie zu Rebert zu leiten. Bald muss ich mir eingestehen, dass es mich voll erwischt hat — le coup de foudre.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine große Schwäche für fast alles Süße habe. Es ist also kein Wunder, dass ich so begeistert von Rebert bin. Die kleine Patisserie und Chocolaterie ist aber auch ein Besuch wert und so schleiche ich immer wieder um den Laden herum, gehe hinein, um die kleinen Törtchen, Macarons und Pralinen aus der Nähe zu bestaunen und kaufe dann doch nichts. Die Preise der Köstlichkeiten und Taschengeld eines FSJlers vertragen sich nicht so ganz.



So langsam habe ich den Eindruck, man müsste mich im Rebert schon kennen. Ach, das ist sie schon wieder. Valerie, hol schon mal das Fensterputzmittel! Sie drückt schon wieder ihre Nase am Schaufenster platt. Vielleicht gehe ich aber auch im Strom der Touristen unter, die Rebert mit ebenso begierigen Blicken wie ich betreten und mit kleinen und großen Köstlichkeiten und einem Leuchten in den Augen verlassen.



Ich bin zum fünften Mal im Laden, als ich zum ersten Mal die Stimme hebe. Je voudrais un Palet Or s’il vous plaît. Meine Eltern sind über das Wochenende da und ich darf mir etwas aussuchen. Meine Entscheidung fällt mir leicht. Zu oft habe ich mir schon ausgemalt, was ich am liebsten essen würde.



Palet Or ist eine wahre Schönheit — fast zu schön zum Essen, deshalb dekoriert meine Errungenschaft erstmal den WG-Kühlschrank. Sage und schreibe einen Tag bleibt das Törtchen da, dann möchte ich es endlich probieren. Nach einem Bissen merke ich, dass es auch zu lecker ist, um noch weiter im Kühlschrank zu verweilen.


Oh Rebert, denke ich, als der letzte Bissen im meinen Mund verschwindet.



PS: Ich habe „Chocolaterie“ zum Wörterbuch hinzugefügt — kann ja nicht sein, dass mein Word das nicht kennt!