Sonntag, 22. November 2015

Unsicherheit

Draußen ist es dunkel und das gleichmäßige Schuckeln des Busses macht es mir schwer, die Augen auf zu halten. Ich schweife mit den Gedanken ab. Schlaf wäre jetzt genau das Richtige! Doch eine Männerstimme hindert mich daran. „Habt ihr mal die Zeit?“ Er sitzt breitbeinig  in der Dreierreihe hinten im Bus uns gegenüber. Links und rechts wären theoretisch noch Plätze frei — theoretisch.

Während ich noch versuche in der Gegenwart anzukommen, ist Alena schon im Gespräch vertieft. „Und woher kommt ihr?“ Der fehlende Dialekt, unsere mangelnden Kenntnisse über das hiesige Verkehrssystem  und spätestens mein übergroßer Seemannsrucksack entlarven uns als Reisende. Wir haben das Wochenende in Karlsruhe verbracht uns sind nun auf dem Rückweg.

Alena erklärt ihm, dass wir zurzeit in Frankreich leben und beinah fließend kommen sie auf die Anschläge in Paris zu sprechen. Er fragt uns, ob wir überhaupt noch über die Grenze kommen, ob die nicht dicht sei. Sie erklärt ihm die Situation. Erzählt von Gendarmerie, die Autos kontrolliert — direkt an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland stehen sie, direkt an der Ortseinfahrt nach Wissembourg. Wer verdächtig aussieht wird angehalten. Es ist komisch, das mit anzusehen.

Der Mann spürt nicht, was in Frankreich geschieht. Er denkt nicht an die Trauer, an den Schmerz, die Angst — zumindest nicht in diesem Moment. Selbstzufrieden lehnt er sich zurück und präsentiert uns seine Theorie: „Das waren die doch selber, um schärfere Gesetze durchzubringen. Abhörung und so…“ Er redet weiter, beschreibt Zukunftsszenarien seiner Verschwörungstheorie.
Ich habe die ganze Zeit geschwiegen — ich bin längst nicht so kontaktfreudig wie Alena, erst recht nicht, wenn ich müde bin. Doch jetzt melde ich mich zu Wort. Glaubt er denn wirklich, dass der französische Staat der IS ist oder dass der französische Staat und der IS zusammen arbeiten? Sehr abstrus. Klingt für mich, als wäre der neue Bond-Film eine starke Inspiration gewesen oder als wollte man die Verschwörungstheorien um den 11.9. recyceln.
Als wir aus dem Bus steigen, weiß ich, dass er spätestens in einer Woche keine Ahnung mehr von unserem Gespräch haben wird. An der Art, wie er über die Anschläge gesprochen hat und wie wenig durchdacht seine Theorie war, glaube ich zu erkennen, dass er denkt, es beträfe ihn nicht — ein Trugschluss.

Ich muss an Montag zurück denken, an den Moment als mein Kollege unsere Gruppe von den Anschlägen erzählt hat. „Am Wochenende ist etwas Schlimmes passiert, viele Menschen sind gestorben.“ Er sagt nur das Nötigste. Die Residents wissen nicht, dass diese Menschen umgebracht wurden. Man möchte sie nicht beunruhigen, sie verstehen die Situation jetzt schon nicht.

Vorm Rathaus in Wissembourg
Die Schweigeminute ist eine Qual. Meine Gruppe ist sehr laut. Die Stille und die Anspannung der Minute halten sie nicht aus. Gekicher, Geschrei und Gesang füllt die Minute, während mein Kollege und ich der Opfer und ihrer Angehöriger gedenken.
Am Ende meiner Schicht wissen sie nicht mehr, was am Mittag passiert ist. Irgendwie gut, denke ich.

Die Kollegen gehen sehr unterschiedlich mit dem Geschehen um. Manche reden gar nicht drüber, andere sind sehr besorgt. Nach ein paar Tagen kommen die ersten Witze über Terroristen. Sie haben etwas Nervöses.

Unser Plan, in Strasbourg den Weihnachtsmarkt zu besuchen, gerät ins Wanken. Die Kollegen scheinen sich einig zu sein, dass das nicht die beste Wahl sei. Das EU-Parlament, der Weihnachtsmarkt und viele Westeuropäer verschiedener Nationen. Ein Attentat hier würde von Aussagekraft strotzen und eine große mediale Reichweite erhalten.

Wir möchten eigentlich hingehen. Eigentlich. Wir möchten ihnen keine Macht über unser Leben geben, aber sicher fühlen wir uns nicht. „Geht doch lieber nach Haguenau“, raten die Kollegen.


Sie wissen nicht, ob Strasbourg tatsächlich das nächste Ziel ist, aber sie sind sicher, dass noch etwas kommen wird.

Samstag, 14. November 2015

#prayforparis

Freitagabend. Wir sind auf dem Weg in eine Disko, als wir es hören. Wollen feiern gehen. Das Radio ist laut gedreht, die Stimmung gut, doch das ändert sich schlagartig. Explosion. Schießereien. 18 Tote. Die Nachrichten aus Paris treffen uns wie ein Schlag. Ich drehe das Radio noch lauter. Es ist ein Versuch, besser zu verstehen, der kläglich scheitert, doch nicht die Lautstärke ist mein Problem.

Inzwischen spricht man von mindestens  120 Toten und 200 Verletzten und Schwerverletzten. Das sind Menschen, die den Freitagabend nutzen wollten, um ihr Leben zu feiern. Bars, Restaurants und das Bataclan, das sind Orte an denen man das Leben genießen sollte, sie zeugten von Unbeschwertheit und Lebenslust. Bis jetzt.

Ich bin fassungslos. Es ist so unverständlich, so grausam. Eine französische Freundin postet, dass man nirgendwo mehr sicher ist. Sie hat Recht, denke ich. Ein andere Franzose schreibt: “Unser Entsetzenschrei wird sich zu einem Sturm entwickeln“, doch im Moment fühlt es sich wie eine Lähmung an.

Es ist komisch jetzt hier zu sein. Ich weiß nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll und habe ein bisschen Angst, am Montag den Residents gegenüber zutreten. Ich weiß nicht, ob ihnen von den Anschlägen berichtet wird, aber sie sind teilweise sehr sensibel. Sie werden die Bedrückung spüren, einige werden merken, dass etwas nicht stimmt.

Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer, bei den verängstigten Menschen, bei denen, die jetzt ganz viel Kraft brauchen.

Paris ist laut. Viele Menschen, viel Bewegung. Doch jetzt hält die Stadt den Atem an und mit ihr die ganze Welt.

Man sagt, dass Paris das Herz Frankreichs ist — Sie haben uns direkt in unser Herz getroffen.