Montag, 7. Dezember 2015

Zug fahren, Zukunft planen

Ich trete das Gaspedal durch und der Zeiger am Tacho schnellt in die Höhe. Es ist nur ein kleines Stück über Land und gleich muss ich wieder abbremsen, aber die Art und Weise wie der kleine Peugeot die kalte Morgenluft zerschneidet, gefällt mir.

Es geht nach Schweighofen zum Bahnhof. Dann nach Mainz zur Uni. Zukunft planen, versuchen, Entscheidungen zu treffen, seinen Platz finden.

Ich habe einen langen Tag vor mir. Einen der Tage, von denen man nicht weiß, was man erwarten soll. „Schnuppertag“. Das klingt so freundlich, so leicht. Mal reinschnuppern, vielleicht gefällt es einem ja, man wedelt mit dem Schwanz und zack hat man eine Zukunft mit ganz viel Sonnenschein! Da dackelt Laura doch mal vorbei oder?

Naja, ich hab da wohl nicht die Unbeschwertheit der kleinen Hunde (obwohl das von der Körpergröße ja fast passt), trotzdem nutze ich meinen freien Tag, um mir die Uni und insbesondere das Studienfach Kulturanthropologie anzuschauen. Plan 169b.  „Wäre schön, wenn es hinhaut, wenn nicht, suchst du halt weiter“, versuche ich mich selbst zu beruhigen. „Danke für den Tipp! Darauf wäre ich nie gekommen!“, antwortet eine zynische Stimme in mir. Die beruhigende Stimme will etwas erwidern, aber der Zyniker ist schneller. „Jetzt ist gut!“, zische ich den beiden zu. Dann muss ich grinsen und frage mich, seit wann mein Innenleben eigentlich so redselig ist.

Wir biegen in eine Seitenstraße ab. An der Einfahrt steht ein Schild, dass uns zu verstehen gibt, dass hier nicht mehr als 10 km/h erlaubt sind. Es ist eng hier und das Auto ruckelt sich von Schlagloch zu Schlagloch. Bitte kein Gegenverkehr, denke ich, während ich mir Slalom fahrend meinen Weg suche. Links von mir geht ein Mann in den Fünfzigern mit seinem Hund spazieren. Ansonsten ist das Kaff wie ausgestorben.

Der Bahnhof besteht aus einem Gleis. Ich schaue auf die Uhr. Zehn Minuten zu früh — natürlich. Zug fahren oder besser gesagt, das in den Zug einsteigen, umsteigen und aussteigen versetzt mich immer in eine peinliche Hysterie. Ich habe dann die irrationale Angst nie am Ziel anzukommen und mein Leben  fortan am Bahnhof verbringen zu müssen. Deshalb komme ich immer zu früh und werde ganz nervös sobald der Zug Verspätung hat. Aber jetzt ist alles gut. Ich kontrolliere noch, ob ich mein Ticket habe. Ist da, alles gut.

Langsam entspanne ich mich wieder. Der Mann mit Hund biegt um die Ecke und setzt sich auf die Bank neben mir. Schweigend warten wir gemeinsam auf den Zug. Irgendwann wird die Stille von einer Kinderstimme unterbrochen. Ein kleiner Junge hechtet auf den Hund zu. Er ist vielleicht acht. Der Hund und er scheinen alte Bekannte zu sein — klar, auf dem Land kennt jeder jeden.

Hund, Kind und Mann steigen gemeinsam in den Zug ein. Und weil Kinder immer andere Kinder anziehen, gesellt sich schon eine Station weiter ein Junge mit einem viel zu großen Schulranzen dazu. „Ich hatte heute einen Minion im Adventskalender“, erzählt er stolz. „Aber den musste ich selbst aufbauen. Die Arme waren am schwersten. Da musste mir mein Bruder helfen, voll nervig!“  Ich hatte heute Ritter Sport im Adventskalender. Die mit Keks. Ganz unkompliziert und lecker, aber das reibe ich dem Kleinen nicht unter die Nase.

Ich ziehe die französische Glamour aus meiner Tasche und tue so, als würde ich verstehen, was da so drin steht. In Wirklichkeit ist das natürlich nur Tarnung, um in Ruhe weiter die Menschen um mich herum zu beobachten.

Die Frau gegenüber hat nun schon zum dritten Mal ihr Ticket kontrolliert. Wir könnten uns zusammen tun und den Club der nervösen Zugfahrer gründen. Wahrscheinlich würden wir uns dann aber gegenseitig verrückt machen und an einem hysterischen Anfall sterben, womit meine Angst, nie anzukommen, Wirklichkeit werden würde. Also doch keine gute Idee.

Mein Blick wandert weiter. Schlafende Leute, frühstückende Leute. Leute mit dicken Kopfhörern, die sie von der Welt isolieren und Leute,  die sich angeregt unterhalten. Und ich mitten drin. Auf der Suche nach einem Plan.


„Wir könnten aber auch zum Hipster gehen und fragen, wann und warum er sich entschieden hat, den Bart stehen zu lassen.“  Könnte man machen, denke ich und lausche weiter den Worten der Dozentin, die uns erklären soll, was sich eigentlich hinter Kulturanthropologie verbirgt.

Mir macht es wirklich Spaß, ihr zu zuhören und auch die Vorlesung, die ich später besuche, interessiert mich. Es geht ums das Eigene und Fremde bzw. um die Wahrnehmung von eigen und fremd. Ein Thema, welches angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte nicht aktueller sein könnte.

Am Ende der Veranstaltung bin ich seltsam aufgeregt, fast schon euphorisch. Das legt sich aber schnell wieder. Vielleicht liegt es an der Müdigkeit, — immerhin bin ich seit sechs Uhr unterwegs —  vielleicht ist es aber auch der gnadenlose Realismus, der mich wieder auf den Boden holt. Welche Chancen habe ich danach auf dem Arbeitsmarkt?

Bevor jetzt irgendwelche Missverständnisse entstehen, ich möchte nicht nur Kulturanthropologie studieren. Plan 169b setzt sich aus Publizistik  als Kernfach und Kulturanthropologie als Beifach zusammen. Das Problem hierbei beim Beifach Kulturanthropologie ist allerdings, dass ausgerechnet hier die Module zur Theater- und Filmwissenschaft wegfallen, die mich besonders interessieren.


Wie geht es also weiter? Ich weiß es nicht, aber das ist okay. Ich hab ja noch ein bisschen Zeit. Vielleicht ändert sich ja noch alles, wäre nicht das erste Mal… On verra.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen