Sonntag, 31. Januar 2016

Halbzeit

„J’suis Lora“, stelle ich mich vor. Es folgt Lachen. Verständnislos schaue ich in die Runde. Habe ich ein Wort komisch ausgesprochen? Das ist doch ein Satz, den jeder nach der ersten Französisch-Stunde beherrscht. „Jetzt sagst du selbst schon Lora“, klärt mich Nathalie auf. Mir war das gar nicht aufgefallen, aber es stimmt: j’suis Lora.
Ende Januar bin ich fünf Monate hier. Halbzeit. Das ist komisch und ich weiß gar nicht so recht, wie ich darüber denken soll. Ich habe wunderbare Freundschaften geschlossen und vor allem viele neue Erfahrungen gemacht. Gute und solche, aus denen man lernt — zum Beispiel weiß ich jetzt, dass mir für eine Karriere als Barbier das nötige Talent fehlt und auch ein Nagelstudio kann ich ausschließen.
Ich nenne unsere Wohnung „mein Zuhause“ und meine damit die Menschen, die dort auf mich warten. Ich sage „merci“ und „d’accord“ ganz automatisch — selbst wenn ich Deutsch spreche. Ich stelle mich als „Lora“ vor, obwohl ich doch Laura heiße. Aber Lora ist eben auch da.
Mein Leben hat sich sehr verändert. Zwischen Wuppertal und Wissembourg liegen Meilen (im wörtlichen und übertragenen Sinn).  Ich bin mehr Großstadtgöre, als ich gedacht hatte, vermisse es mal eben in die Stadt zu gehen oder die Menschenmassen, die um einen herum trudeln — in Weiler leben gefühlt sechs Leute.
  Ich habe gelernt, dass Spontanität nicht eine reine Sache der Einstellung ist, sondern viel mit Möglichkeiten zusammen hängt. „Mal eben“ existiert hier nicht. Jeder Sortie will gut geplant sein. - Dürfen wir das Auto nehmen? - Die Kollegen sind damit auf Fortbildung. - Wann fährt der letzte Zug? – Um Acht. – Oh. Ja, mobil zu sein, ist schon toll.
Während ich im Dezember die Zeit hier wirklich genossen habe, war der Januar für mich nicht ganz so leicht. Verschiedene Sachen kamen zusammen und ich habe mich nicht mehr wohl gefühlt. Aber Wolken ziehen vorbei und ich bin bereit für die nächsten fünf Monate.

Für Februar sind die Aussichten schon mal ganz ansehnlich: Es geht mit Alena nach Karlsruhe aufs MoTrip-Konzert, meine Familie kommt mich besuchen und der Kurzurlaub in Paris wird gebucht. Da kann man sich ja wohl nicht beklagen. 

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