Dienstag, 31. Mai 2016

Über meine Arbeit Teil 2: David Hasselhoff, Schokolade und Tränen im Schwimmbecken

I’ve been looking for freedom“ trällert aus dem Radio und ich bewege dazu meine behandschuhte Hand samt Waschlappen halbwegs rhythmisch  über den Hintern einer Resident. Sie singt mit, allerdings in ihrer ganz eigenen Sprache. „Lalilululiiiile, lali lalalaa“ ist wohl einer der freiesten Interpretationen des Liedes, gleichzeitig aber auch einer der schönsten, deshalb schließe ich mich ihrem Beispiel an und gröle mit. Heraus kommt Komposition aus unmelodischen und schrägen Tönen in einer Sprache, die wohl nicht jeder versteht.  Der Soundtrack meines Arbeitsalltags hier.

Dann werden noch ein paar „Ra’s“ reingemischt. Die stammen aus dem Nebenzimmer von einem sehr ungeduldigen Resident. Er findet meinen Namen zu lang, weshalb er in Aufregung sich lieber auf die letzte Silbe beschränkt. Doof nur, dass in Frankreich „Ra“ (geschrieben: rat) Ratte bedeutet —welch schmeichelhafter Kosename! Das Nagetier hat ihm also versucht, zu erklären, was denn eigentlich eine Ratte sei. Als ich am Ende meiner Ausführungen mal nachgefragt habe, ob er das verstanden hat, kam ein einfaches „Non“ zurück. Naja, wenigstens ehrlich ist er.

Neben „Ra“ habe ich auch noch andere Spitznamen hier. Bei „schöne Prinzessin“ könnte man sich doch fast geschmeichelt fühlen, wäre es nicht der Fall, dass jeder weiblicher Educ unter 40 so genannt wird (ab 40 ist es dann „Maman“). Übrigens hat mich derselbe Resident, der mich mal eben adelig gemacht hat, zu seinem Geburtstag eingeladen und mir gleich verkündet, dass er einen Film als Geschenk haben möchte. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob ich auch ohne Film kommen dürfte. Großzügig hat er mir versichert, dass das kein Problem sei, ich könnte ihm auch Kaffee und Schokolade mitbringen…  

Untereinander können die Residents auch mal weniger charmant sein. So gibt es zum Beispiel eine Bewohnerin, die gerne mal Beinchen stellt und das sehr erfolgreich! Oder ein Resident, der, wenn ihn irgendwas nervt, einem anderen Resident die Hose runter zieht. Alles ganz nette Kleinigkeiten, die einem nach dem gefühlt in den Wahnsinn treiben würden, gäbe es da nicht diese Momente, die einen einfach zum Strahlen bringen.

Eine ganze Reihe dieser Momente habe ich mit J im Schwimmbad des Mont des Oiseaux. Er hat „activité piscine“ und es ist das erste Mal, dass ich ihn dabei betreue. Ich kenne ihn eigentlich ganz gut, da er in meiner Wohngruppe lebt, aber im Schwimmbecken habe ich ihn noch nicht erlebt und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf als ich den kleinen Rollstuhlfahrer im Wasser laufen sehe. Er hangelt sich am Beckenrand entlang, ein breites Grinsen im Gesicht. Als er merkt, wie verwundert aber erfreut ich bin, bricht in Lachen aus. Es ist ein schrilles Lachen, das vor Glück strotzt.  Nach drei, vier Runde ist er dann aber auch gut erschöpft, sodass ich ihm unter die Arme greifen muss. Ich drehe ihn auf den Bauch und ziehe ihn über die Wasseroberfläche. „J, du fliegst!“ Er hat ein bisschen Angst und fängt an zu fluchen, gleichzeitig lacht er aber. Dann nehme ich ihn in den Arm, zähle bis drei und tue dann so, als würde ich ihn in Wasser schmeißen. Er freut sich wie ein kleines Kind.

J. ist sehr sensibel und hat Schwierigkeiten mit seinen Gefühlen fertig zu werden. Es ist also eigentliches nichts Besonderes, als der kleine Mann in Tränen ausbricht, trotzdem bin ich gerührt, als die erste Tränen über das immer noch lachende Gesicht laufen.

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